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SklavenhandelIris Därmann spürt "leisen" Widerstandsformen der Unterdrückten nach     

20.10.2021: Der diesjährige Literaturnobelpreis wurde dem tansanischen Autor Abdulrazak Gurnah zuerkannt. Antikoloniale Erhebungen bilden oft den zeithistorische Hintergrund seiner Romane. Als passendes Hintergrundmaterial zu dieser literarischen Auseinandersetzung mit Aspekten des Kolonialismus und der Unterdrückung empfiehlt Günther Stamer das 2020 erschienene Buch "Undienlichkeit - Gewaltgeschichte und politische Philosophie" der Kulturphilosophin Iris Därmann.

 

Der diesjährige Literaturnobelpreis wurde dem tansanischen Autor Abdulrazak Gurnah zuerkannt. Antikoloniale Erhebungen bilden oft den zeithistorische Hintergrund seiner Romane. Sein letztes Werk "Afterlives" (2020) handelt von den Folgen der Niederschlagung des Maji-Maji-Aufstand (1905–1907) durch deutsche Kolonialtruppen im damaligen Deutsch-Ostafrika (heute Tansania) auf die dortige Gesellschaft. Gurnah beschreibt darin die andauernden psychologischen Folgen des kolonialen Gewaltverhältnisses: Widerstand, Flucht und Fragen der Erinnerung und Identität. Erwartungsgemäß werden seine Romane jetzt auch zügig ins Deutsche übersetzt und herausgegeben bzw. ältere, vergriffene Ausgaben neu aufgelegt.

Passend als Hintergrundmaterial zu dieser literarischen Auseinandersetzung mit Aspekten des Kolonialismus und der Unterdrückung ist ein Theorie-Band der an der Berliner Humboldt-Universität lehrenden Kulturphilosophin Iris Därmann mit dem etwas sperrigen Titel "Undienlichkeit" zu empfehlen. Sklavenhaendlerdenkmal gestuerzt
Dass dieses 2020 erschienene Buch ein Jahr später bereits in zweiter Auflage erscheint, lässt auf nachhaltiges Interesse schließen: U.a. wohl auch durch die Black Lives Matter-Bewegung, in deren Folge in den USA, in Großbritannien und in Südafrika Sklavenhändlerstaturen gestürzt und Figuren von rassistischen Kolonisatoren vom Sockel gestoßen werden.

Sklaverei ist die gewalttätigste und leidvollste Form der Dienstbarmachung und Unterdrückung von Menschen. Kaum eine Gesellschaft hat auf Menschenhandel und Zwangsarbeit verzichtet. Sklavenähnliche Zustände gehören dabei keineswegs der Vergangenheit an. Nach Schätzungen der Internationalen Labour Organisation der UN lebten 2017 rund 40 Millionen Menschen in moderner Sklaverei. Die Menschen würden zur Arbeit in Fabriken oder im Bergbau, in der Landwirtschaft oder zu sexuellen Diensten gezwungen. Viele sind auch schon in die moderne Sklaverei hineingeboren. Aktuelles Beispiel: In Katar, dem Land in dem 2022 die Fußball-WM stattfinden soll, arbeiten an die 1,5 Millionen Wanderarbeiter (vor allem aus Nepal, Indien, Pakistan) sklavenmäßig an dem Bau der Wettkampfstätten. Nach einer Studie des Internationalen Gewerkschaftsbundes sollen dort seit der Vergabe der WM an den Wüstenstaat an die 1.500 Arbeiter auf den Baustellen für das Megasportevent zu Tode gekommen sein.

Im Focus des Buches steht vor allem "body politics"

Worum es Iris Därmann in ihrem Buch vor allem geht, hat sie in einem Gespräch mit der FAZ (19.10.20) verdeutlicht. "Mir ging es darum, eine möglichst dichte Wahrnehmung der "body politics" jener Menschen zu erzeugen, die versklavt, gefoltert und rassistisch erniedrigt worden sind und in Situationen extremer Gewalt und Unfreiheit ihre eigenen widerständigen Handlungsformen erfunden haben. Ich wollte diese Geschichte nicht aus der Sicht der Täter oder der Legitimatoren der Gewalt schreiben, sondern aus der Perspektive derer, die dieser Gewalt ausgesetzt waren und zugleich Widerstandsformen des Sich-undienlich-Machens praktiziert haben, um den Gewalträumen etwas entgegenzusetzen.

Mein Eindruck ist, dass die politischen Theorien, die sich mit Revolutionen, Revolten, zivilem Ungehorsam auseinandersetzen, sehr an der Wirkung und am Erfolg interessiert sind. Ich glaube, das ist einer der Gründe, warum der gescheiterte, flüchtige, flache Widerstand gegen diese Gewalt in den Revolutionstheorien keine Rolle spielt. Wenn wir aber dazu übergehen, Widerstand nicht am Erfolg, am Umsturz von Unrechtssystemen oder der Abschaffung der Sklaverei zu messen, sondern die verstreuten Ereignisse menschlicher Widerständigkeit wahrzunehmen, bekommen wir einen anderen Blick auf Gewalt- und Widerstandsgeschichten." [1]

Iris Därmann konstatiert, dass sich der Widerstand gegen Gewalt, Sadismus und Grausamkeit im Rahmen der Versklavung selten in Form offener Rebellionen oder Aufstände zeigt. Eine Ausnahme bilden hier die revolutionären Ereignisse in der französischen Kolonie Saint-Domingue ab 1891, die schließlich 1804 zur Gründung des ersten schwarzen, souveränen Staates Haiti unter Toussaint L‘Ouverture führten.

Angesichts fehlender Handlungsmöglichkeiten bestand für Sklav*innen der einziger Ausweg oftmals darin, sich dem Zugriff der Gewalthaber durch Flucht, Sabotage, aber auch durch Hungerstreik, Selbstverstümmelung und Suizid zu entziehen, sich "undienlich" machen.

Der menschliche Körper ist für Därmann der Angriffspunkt der sklavenhalterischen Gewalt; es gehe den Peinigern darum, die Menschen zu verdinglichen. Die Tätowierung der Opfer etwa diene dazu, Menschen auf Körper zu reduzieren, zu Nummern und/oder zu Waren zu machen.

Sklaven und Sklavinnen als "belebte Werkzeuge"

Die Autorin spannt in ihrem Buch über Sklavenhalter-Gewalt und Sklav*innen-Widerstand einen Bogen von der Antike bis zu den faschistischen Konzentrationslagern.

Nach dem bedeutenden griechischen Philosophen Aristoteles handelt es sich bei Sklaven und Sklavinnen "um belebte Werkzeuge". Angesichts der Häufigkeit, mit der in antiken Texten von Körperstrafen, von Folter, Prügel und Auspeitschung und Tätowierung die Rede ist, kann darin nicht nur ein Symptom despotischer Grausamkeit gesehen werden, sondern auch ein Indiz für einen nicht nachlassenden sklavischen Widerstand.

"Ciao! Ist heute eine lässige Grußformel. Sie ist abgeleitet von vostro schiavo, 'dein Sklave', und vermutlich zum ersten Mal in Venedig in Gebrauch gekommen, in einer jener Mittelmeerstädte, in denen man im Mittelalter Haussklaven zu halten pflegte." Christliche Venezianer und Genuesen haben während des gesamten Hoch- und Spätmittelalters mit Menschen, die als "heidnisch" galten, einen florierenden Sklavenhandel betrieben. Frauen wurden in die städtische Haussklaverei verkauft, Männer für den Einsatz in den Latifundien, vor allem auf Zypern und Sizilien.

Transatlantischer Sklavenhandel

Im Mittelpunkt von Därmanns Buch steht – an Umfang als auch inhaltliche Substanz - das Aufspüren von Widerstandsformen der Opfer des vier Jahrhunderte umfassenden transatlantischen Sklavenhandels. Dabei wurden ca. 12,5 Millionen Menschen aus Afrika nach Amerika verschleppt und zur Zwangsarbeit auf den Kaffee-, Tabak-, Baumwoll- und Zuckerrohrplantagen eingesetzt.

Vorreiter des Sklavenhandels der modernen bürgerlichen Staaten war England. Zu Beginn der bürgerlichen Revolution (1650) wiesen die britischen Kolonien in Amerika rund 10.000 Sklaven auf, Mitte des 18. Jahrhunderts schufteten schon an die eine Million Sklaven auf den Plantagen. Damit hatte es das feudal geprägte Portugal mit seinen 700.000 Sklaven (vor allem in Brasilien) den Rang abgelaufen. In den USA schwoll die Zahl der Sklaven nach Verabschiedung der Bill of Rights (1791) binnen siebzig Jahren von 700.000 auf nahezu vier Millionen an. Der Sozialwissenschaftler Rainer Roth räumt mit dem weit verbreiteten Vorurteil auf, die Sklaverei nur mit den Südstaaten in Verbindung zu bringen. "In den Nordstaaten residierten die Sklavenhändler sowie die Reeder und Kaufleute, die die Sklavenprodukte verschifften und verkauften. Hier saßen auch die Finanziers und Versicherer der Plantagenbesitzer des Südens. New York war die Drehscheibe des Sklavenhandels."[2]

Aber Politökonomie interessiert die Autorin nicht (wenn auch ein Hinweis auf Roths materialreiche Untersuchung in der ansonsten umfangreichen Literaturliste angebracht gewesen wäre).

Därmann schildert in ihrem Buch umfangreich, wie mit der Ware Sklave verfahren wurde: Unmittelbar nach ihrem Kauf wurden sie mit dem Brandstempel, dem Namen oder Kürzel ihres Händlers auf Schulter, Brust oder Schenkel gekennzeichnet. Es folgen Schilderungen zur Überfahrt: Um die Sklav*innen "in Form" zu halten, wurden sie täglich zum "Tanzen", d.h. in ihren Eisenketten zum Auf- und Niederspringen gezwungen. "Dancing the Slaves" wurde als "therapeutische Maßnahme gegen suizidale Melancholie" angeordnet. Viele Sklav*innen verweigerten die Nahrungsaufnahme oder suchten den kollektiven Freitod. Därmann zitiert aus einem Vorfall, der sich 1832 ereignet hatte: Aneinander gekettet hatten sich afrikanische Männer Hand in Hand in die Fluten gestürzt "um mit ihren Seelen zu ihren Frauen, Kindern, Freunden und Vorfahren zurückzukehren und im Tod radikal undienlich zu werden."

Angekommen auf den Plantagen gehörten zu den Widerstandsformen unterhalb offener Rebellion: Flucht, verlangsamte Arbeitsrhythmen, nächtliches Tanzen bis zur Erschöpfung, Zerstörung von Arbeitsgerät., Selbstverstümmelung, Suizid.

"Marronage" und "Marroon Societies"

Ausführlich berichtet die Autorin "über eine der wichtigsten Widerstandspraktiken der Selbstbefreiung: die Flucht. 'Marronage' gehörte zweifellos zu den zentralen Widerstandsformen gegen die Sklaverei, sie war in den kolonialen Gewalträumen weit verbreitet und formierte sich in all ihren Spielarten zu einer permanenten politischen Praxis."

"Marronage" und "Marroon (Sklave, der die Flucht ergreift)" waren ursprünglich kolonial-rassistischer Begriffe, die aber mittlerweile in der antikolonialen Literatur eine positive Umdeutung erfahren haben.

Flucht während der Verschiffung an den afrikanischen Küsten, während der Schiffspassage in Form des Suizids und bei der Ankunft in Amerika von den Plantagen: "Maroon Societies punktierten die Säume der Plantagen, sie waren an den kolonialen Peripherien und im kaum kontrollierten, unwegsamen Landesinneren angesiedelt. Ihre größte Ausbreitung hatte die Marronage in Jamaika und Brasilien. Die dort gegründeten Fluchtgesellschaften konnten mehrere tausend Mitglieder umfassen. Bis 1855 waren etwa 60.000 Versklavte aus den Südstaaten der USA in den Norden, bis nach Kanada geflohen.

Hobbes, Locke, Marx als Verteidiger der transatlantischen Versklavung?

In drei Beiträgen beschäftigt sich die Autorin mit der Rolle der europäischen politischen Philosophie im Zusammenhang mit der transatlantischen Versklavung.

So wirft sie Hobbes die Mitgliedschaft in der Virginia Company vor und dessen Parteinahme für die Sklavenhalter vor dem Hintergrund des Jamestown-Massakers von 1622. Der angebliche permanenten Kriegszustand zwischen Siedler*innen und Indigenen bildet die Grundlage in seinem "Leviathan" als rechtsphilosophische Legitimation der englischen Unterwerfung der einheimischen Bevölkerung. "In diesem Zusammenhang entwickelt er eine koloniale Anthropologie, eine Zoologie der Sklaverei, in deren Mittelpunkt die Tierfigur des Wolfs steht. Der Versuch, Menschen zu Tieren zu machen, ist neben der Entpersönlichung und der Verdinglichung, eine der entscheidenden Prozeduren der Versklavung."

Auch der englische Philosoph John Locke, der gegen Ende des 17. Jahrhunderts den Begriff des Individuums an Privateigentum bindet, bezog als Anteilseigner der Royal African Company Gewinne aus dem transatlantischen Sklav*innenhandel. Därmann konstatiert: "Locke ist der Begründer eines kolonialen Eigentums- und Arbeitsbegriffs im Zeichen der 'Legitimität': Humaneigentum ist das Ergebnis eines 'gerechten Krieges'. Es beruht auf einem Naturrecht auf unbegrenzte Aneignung von Zwangsarbeit und den Verkauf nackter Körper."

Därmann wirft Marx vor, dass er die faktische "schwarze Sklaverei" relativiert, in dem er sie mit der Lohn-Sklaverei des Proletariers (weiße Sklaverei) gleichsetzt. Damit nivelliere er den gewaltigen Unterschied zwischen wirklichem Leib-Eigentum und dem Verkauf der Arbeitskraft – zugespitzt in der Behauptung, der Proletarier stehe noch schlechter da als der Sklave, weil dieser immerhin versorgt werde.

Lohnt die Lektüre?

Vergleichsweise entbehrlich, weil sattsam bekannt, erscheinen die Ausführungen in den späteren Kapiteln des Buches zu Carl Schmitt, Jünger und Heidegger als Legitimatoren der faschistischen Gewaltherrschaft.

Die Stärken des Buches liegen in eindeutig in den Kapiteln, die sich mit dem transatlantischen Sklavenhandel und den bisher kaum dokumentierten und gewürdigten unscheinbaren Widerstandsformen der Gemarterten beschäftigen. Ob die einhundert Seiten, die dieses Thema zum Gegenstand haben plus fünfundsiebzig Seiten Auseinandersetzung mit Hobbes/Locke/Marx die 38 Euro wert sind, ist eine schwierige Frage.

txt: Günther Stamer 

Buch Undienlichkeit

Iris Därmann

Undienlichkeit.
Gewaltgeschichte und politische Philosophie.

Matthes & Seitz, Berlin 2021,
510 Seiten, gebunden
38 Euro

 

 

 

 

 

 

Anmerkungen:

[1] https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/iris-daermann-im-gespraech-ueber-ihre-s

[2] Rainer Roth, Sklaverei als Menschenrecht, Frankfurt 2015, S.71/72

 

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Meeting-ID: 883 7013 8924

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