Literatur und Kunst
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Georg Weerth 1Georg Weerth, dem "ersten Dichter des Proletariats" zum 200.  

16.02.2022: Georg Weerth, am 17. Februar 1822 in Detmold geboren und am 30. Juli 1856 in Havanna verstorben, war nach den Worten seines Freundes Friedrich Engels der "erste und bedeutendste Dichter des deutschen Proletariats". Aber erst einhundert Jahre nach dem Tod des Autors wurde der größte Teil seines literarischen Schaffens erstmalig an das Licht der Öffentlichkeit gebracht. Günther Stamer zum 200. Geburtstag von Georg Werth:

 

Als 1956 in der DDR mit der Veröffentlichung der Gesamtausgabe der Werke Georg Weerths begonnen wurde, durften die Herausgeber mit Fug und Recht auf den einzigartigen Fall in der deutschen Literaturgeschichte verweisen, dass einhundert Jahre nach dem Tod des Autors erstmalig der größte Teil seines literarischen Schaffens das Licht der Öffentlichkeit erblickte.

In der Bundesrepublik sollten noch weitere zehn Jahre vergehen bis der 48er-Revolutionär und -Literat "entdeckt" wurde. Seinerzeit schrieb Siegfried Unseld: "Wir veröffentlichen Weerth, weil wir ihn für zu Unrecht vergessen halten, weil seine Gedichte wie die Heines, seine Briefe wie die Börnes , seine Skizzen und Satiren zum Bestand unserer Literatur zählen."[1]

Aber auch heute muss sein Werk - abgesehen von einigen seiner Gedichte in Lyrik-Anthologien – immer noch entdeckt werden: Dazu zählen die zwei Romane "Humoristische Skizzen aus dem deutschen Handelsleben" und "Leben und Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski", ein Romanfragment um den Arbeiter Eduard Martin sowie Artikel, Satiren und Briefe.

"Der erste und bedeutendste Dichter des deutschen Proletariats" hat sein Freund Friedrich Engels ihn bezeichnet. Beide hatten sich in England kennen gelernt, wo der am 17. Februar 1822 in Detmold gebore seit 1843 in einer Textilfirma in Bradford arbeitete. Angeregt durch Engels und seinen Freund McMichan, der als Arzt tätig war und den er auf dessen Visiten durch die Arbeiterviertel begleitete, wurde Weerth sich des Elends der Arbeiter*innen immer mehr bewusst. Hier fand er außerdem den Zugang zu einer der vielen Chartisten-Gruppen, die sich überall in England gebildet hatten. Diese Eindrücke veranlassten ihn Artikel, Geschichten und Gedichte über das Leben der Arbeiter*innen im englischen Manchester-Kapitalismus zu schreiben; am eindrucksvollsten in der Erzählung "Das Blumenfest der englischen Arbeiter" und in den "Liedern aus Lancashire".

Weerth als kommunistischer Aktivist und Feuilletonist

1846 hatten Marx und Engels in Brüssel das "Kommunistische Korrespondenz Komitee” gegründet, für das Weerth auf seinen Dienstreisen als Kurier arbeitete. Während seines Aufenthaltes in Brüssel beschäftigte sich Weerth nur sehr wenig mit Literatur, sondern konzentrierte sich neben dem Handelsleben vor allem auf Politik. Vom 16.-18.09.1847 besuchte er dort den Freihandelskongress, auf dem namhafte Ökonomen und viele Politiker die Vorzüge des Freihandels diskutierten. Nach langem Zögern hielt er selbst eine Rede, in der er sich zwar mittelfristig für den Freihandel und gegen Schutzzölle aussprach, aber nur um später eine wirkliche Verbesserung der Lage der Arbeiter auf revolutionärem Weg zu erreichen. Er war der einzige Redner, der diese Frage vom sozialen Gesichtspunkt her betrachtete und nicht vom wirtschaftlichen. Und er prophezeite, dass es aufgrund der sozialen Verwerfungen über kurz oder lang zu Unruhen und Revolutionen kommen würde – Eine Voraussage, die sich schon fünf Monate später bewahrheiten sollte.[2]

 

"Worin Weerth Meister war, worin er Heine übertraf (weil er gesunder und unverfälschter war) und in deutscher Sprache nur von Goethe übertroffen wird, das ist der Ausdruck natürlicher, robuster Sinnlichkeit und Fleischeslust. Manche der Leser des "Sozialdemokrat" würden sich entsetzen, wollte ich die einzelnen Feuilletons der "Neuen Rhein. Zeitung" hier abdrucken lassen. Es fällt mir jedoch nicht ein, dies zu tun. Indes kann ich doch die Bemerkung nicht unterdrücken, daß auch für die deutschen Sozialisten einmal der Augenblick kommen muß, wo sie dies letzte deutsche Philistervorurteil, die verlogene spießbürgerliche Moralprüderie offen abwerfen, die ohnehin nur als Deckmantel für verstohlene Zotenreißerei dient. Wenn man z.B. Freiligraths Gedichte liest, so sollte man wirklich meinen, die Menschen hätten gar keine Geschlechtsteile. Und doch hatte niemand mehr Freude an einem stillen Zötlein, als gerade der in der Poesie so ultrazüchtige Freiligrath. Es wird nachgerade Zeit, daß wenigstens die deutschen Arbeiter sich gewöhnen, von Dingen, die sie täglich oder nächtlich selbst treiben, von natürlichen, unentbehrlichen und äußerst vergnüglichen Dingen ebenso unbefangen zu sprechen wie die romanischen Völker, wie Homer und Plato, wie Horaz und Juvenal, wie das Alte Testament und die 'Neue Rheinische Zeitung'.
Übrigens hat Weerth auch minder anstößige Sachen geschriben, und von diesen werde ich mir die Freiheit nehmen, von Zeit zu Zeit einiges dem Feuilleton des 'Sozialdemokrat zuzuschicken."

Friedrich Engels, Ende Mai 1883

MEW Bd.21, Seite 5ff

 

 

Während der 48er Revolution wurde er Feuilletonchef bei der von Marx geleiteten "Neuen Rheinischen Zeitung"in Köln. Dass diese Zeitung in Deutschland seinerzeit großes Aufsehen erregte, lag nicht nur an den politischen Kommentaren von Marx, sondern auch am spritzig-ironisch und aufmüpfig daherkommenden Feuilleton, dessen fleißigster Autor Weerth selber war.

Georg Weerth Marx EngelsSein in der "Neuen Rheinischen Zeitung" gedruckter Fortsetzungsroman "Leben und Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski" - eine scharfzüngige Satire gegen den Adel - brachte ihm einen Verleumdungsprozess und eine Haftstrafe ein. Sein Spott trifft den Fürsten Felix von Lichnowski, der zum ultrarechten Flügel der Frankfurter Nationalversammlung gehört. Als Lichnowski von Aufständischen erschlagen wird, erscheint in der "Neuen Rheinischen Zeitung" gerade die elfte Folge von Weerths Roman. Der Autor wird zum Aufwiegler erklärt und zu drei Monaten Haft im Kölner Klingelpütz verurteilt.

Nach Verbüßung der Strafe und enttäuscht vom Scheitern der Revolution (und dem Aus der "Neuen Rheinischen Zeitung") veröffentlichte Weerth nichts Literarisches mehr. In einem Brief an Marx schreibt er 1851: "ich sehe gar keinen Zweck, kein Ziel bei der Schriftstellerei. Wenn Du etwas über Nationalökonomie schreibst, so hat das Sinn und Verstand. Aber ich? Dürftige Witze, schlechte Späße reißen, um den vaterländischen Fratzen ein blödes Lächeln abzulocken – wahrhaftig, ich kenne nichts Erbärmlicheres!"[3]

Er kehrte in seinen Brotberuf als Kaufmann zurück und unternahm ausgedehnte Geschäftsreisen – erst durch Europa, dann durch Nord-, Mittel- und Südamerika. Gestorben ist Georg Weerth am 30. Juli 1856 in Havanna auf Kuba, erst 34 Jahre alt, an Gelbfieber. Dort erinnert heute eine Bronzetafel mit Engels‘ Würdigung in deutscher und spanischer Sprache an ihn.

Georg Weerth Gedenktafel


"Die Guillotine wird uns retten und die Leidenschaft der Weiber"

In Detmold, der Geburtsstadt Georg Weerths, steht ein Weerth- Denkmal in der Weerthstr. Diese Auszeichnung gilt jedoch nicht ihm, sondern seinem Vater Ferdinand, dem katholischen Generalsuperintendenten für das Fürstentum Lippe. Sein ältester Bruder Carl (1812-1889), der von Beruf Naturwissenschaftler war, gründete 1825 das Lippische Landesmuseum in Detmold, wo noch heute Souvenirs von Georg Weerths Handelsreisen ausgestellt werden.

Zu Georg Weerths 200. Geburtstag hat die Detmolder Grabbe-Gesellschaft ein vielseitiges Veranstaltungsprogramm ausgearbeitet. "Ein kurzes, aber intensives Leben, das es wert ist, gefeiert , noch viel mehr aber, neu entdeckt und betrachtet zu werden", heißt es in der Ankündigung. So präsentiert z.B. das Musikalisch-Literarische Quartett Detmold am 19. Februar unter dem Titel "Die Guillotine wird uns retten und die Leidenschaft der Weiber" einen bunten Zeitspiegel der Revolution von 1848, in dessen Mittelpunkt Weerth-Texte stehen.

Georg Weerth Weerth200

Bereits seit knapp einem Jahr ist die breit angelegte Internetpräsenz "Weerth 200" unter dem Leitwort "Presse – Freiheit – Menschen – Recht" online. Sie hält seitdem nicht nur Tag für Tag die Lesung eines "Weerth-Textes" bereit, sondern ist zugleich mit ihren verschiedenen Rubriken eine Fundstelle für Informationen rund um das Leben und Schaffen Georg Weerths. (www.weerth200.de)

Die Sendereihe "ZeitZeichen" auf WDR 5 (9.45 Uhr) und WDR 3 (17.45 Uhr) erinnert am 17. Februar 2022 an Georg Weerth. Das ZeitZeichen gibt es auch als Podcast

Fragment eines Romans

Abschließend noch ein Literaturhinweis auf auf ein aktuell erhältliches Buch von Georg Weerth: Im Jahr 1847 schreibt Weerth an seinem Roman über den Arbeiter Eduard Martin, der – infolge der 48er-Revolition und seines Engagements in der Redaktion der "Neuen Rheinischen Zeitung" - Fragment bleibt. Darin wird zum ersten Mal in der deutschen Literaturgeschichte ein Arbeiter, der die Fesseln seiner sozialen Umgebung sprengen will, mit Argumenten und Handlungen zu einer literarischen Hauptperson. Der marxistische Literaturwissenschaftler Bruno Kaiser schreibt über den Roman: "In der Gestalt des Arbeiters Eduard Martin, der nach zwei Jahren, die er in englischen Fabriken und unter Chartisten verbracht hat, in die Heimat zurückkehrt und nun mit revolutionärer, aufklärender Propaganda beginnt, schuf Weerth den ersten klassenbewußten Proletarier der deutschen Literatur. (…) Er unterrichtet die Arbeitskameraden über die Waffe des Streiks, erzählt von den heldenmütigen Frauen, die in England die Arbeiter unterstützen und versichert, daß der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen einmal ein Ende bereitet werden wird. Um Jahrzehnte ist Weetth hier der deutschen Literatur, die sich den sozialen Problemen widmet, voraus."[4]

txt: Günther Stamer

 

Georg Weerth Fragmente eines Romans

Georg Weerth

Fragment eines Romans

Verlag Hofenberg
Hardcover, 148 Seiten
Artikelnummer 978-3-7437-0684-2
Euro 19,80
Bestellmöglichkeit hier

E-Book
Henricus-Edition Klassik
Artikelnummer 978-3-8478-1308-8
Euro 2,49
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Anmerkungen

[1] Siegfried Unseld. Georg Weerth – Lebenslauf eines Unbekannten, In: Georg Weerth. Fragment eines Romans. Sammlung insel, Frankfurt am Main 1965, Seite 16.

[2] Friedrich Engels zitiert in einem Artikel ausführlich aus Weerths Rede. MEW 4, S. 299-303

[3] Georg Weerth. Sämtliche Werke. Fünfter Band:Briefe, Berlin (DDR) 1957, S. 73

[4] Weerths Werke in zwei Bänden, Erster Band, Berlin (DDR) 1967, S. IX

 

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