23.02.2026: Die Berlinale ist traditionell für ihr aktuelles, progressives Programm bekannt, doch in diesem Jahr sollte sie unpolitisch bleiben. Die Berlinale 2024 sollte sich auf keinen Fall wiederholen. Aber die diesjährige Berlinale wurde entgegen den Wünschen der Politik zu einem der politischsten Festivals, die es je in Berlin gab.
2024 hatten deutsche Regierungsvertreter die "einseitige" Äußerungen über Gaza seitens der Regisseure und Künstler massiv kritisiert. "Unwidersprochen" sei von "Genozid die Rede" gewesen. Israels Botschafter in Deutschland, Ron Prosor, Berlins Bürgermeister Wegner und CDU, SPD und Grüne forderten unisono Konsequenzen für die Kulturförderung. Kultur dürfe kein Raum für "antiisraelische Statements" sein. (siehe kommunisten.de, 26.2.2024: "Berlinale: Stars fordern Waffenstillstand in Gaza | Pro-Israel-Lobby mit Schaum vor dem Mund.")
Der Stein des Anstoßes: Im Jahr 2024 ging der Dokumentarfilmpreis des Festivals an "No Other Land", der die Enteignung palästinensischer Gemeinden im von Israel besetzten Westjordanland thematisiert. Basel Adra aus dem palästinensischen Masafer Yatta, einer der Regisseure des Films, hatte bei der Preisverleihung gesagt, es sei für ihn sehr schwer zu feiern, während "Zehntausende meines Volkes in Gaza gerade getötet werden" und bekam dafür lautstarken Applaus und wurde mit "Free Palestine"-Rufen gefeiert. Er forderte Deutschland außerdem auf, keine Waffen mehr an Israel zu liefern. Sein Partner, der Israeli Yuval Abraham war in seiner Rede auf die Diskriminierung der Palästinenser eingegangen und hatte Israel als Apartheidstaat charakterisierte. Er forderte ein Ende der Besatzung und einen Waffenstillstand in Gaza.
Filmschaffende müssten sich aus der Politik heraushalten
Die deutsche Politik erwartete von der aktuellen Leiterin der Berlinale, der US-Amerikanerin Tricia Tuttle, ganz unverhohlen, dass sie bei der diesjährigen Berlinale allzu deutliche Solidaritätsbekundungen mit den Menschen in Gaza und Kritik an der deutschen Staatsräson möglichst unterbindet – und sie finanziert schließlich das Festival. Damit hat sie ein Druckmittel zur Hand.
So haben sich denn auch der Vorsitzende der Jury, Wim Wenders, und mehrere Stars gleich zu Beginn der Berlinale zurückgehalten, zu den großen politischen Themen der Gegenwart Stellung zu beziehen.
Der US-Schauspieler Neil Patrick Harris, der in dem Film "Sunny Dancer" mitspielt, wurde gefragt, ob er seine Kunst als politisch betrachte und ob sie dazu beitragen könne, "den Aufstieg des Faschismus zu bekämpfen". Er antwortete, dass er "daran interessiert sei, Dinge zu tun, die unpolitisch sind" und die den Menschen helfen könnten, in unserer "seltsam algorithmischen und gespaltenen Welt" Verbindungen zu finden.
Auch die diesjährige Ehrengoldbären-Preisträgerin, die malaysische Schauspielerin Michelle Yeoh, weigerte sich, sich zur US-Politik zu äußern, und sagte, sie könne nicht behaupten, die Situation dort zu verstehen.
Auf die Aufforderung, sich zum Gazakrieg zu äußern, antwortete die polnische Produzentin und Mitglied der diesjährigen Jury Ewa Puszczynska, dies seien komplizierte Fragen. Es sei "ein bisschen unfair", von der Jury zu erwarten, dass sie zu diesem Thema direkt Stellung bezieht, fügte sie hinzu. Regisseur und Jurypräsident Wim Wenders sagte, Filmschaffende müssten sich aus der Politik heraushalten, sie seien ein Gegengewicht zur Politik. "Wir müssen die Arbeit der Menschen machen und nicht die Arbeit der Politiker."
Der Journalist Tilo Jung hatte bei der Pressekonferenz der Jury zur Eröffnung der Berlinale nach der "selektiven Solidarität" des Festivals mit dem Iran und der Ukraine und der mangelnden Solidarität mit den Palästinensern gefragt.
Berlins Regierender Bürgermeister Wegner hob denn auch hervor, dass Tricia Tuttle und Wim Wenders alles dafür getan hätten, um in der angespannten weltpolitischen Lage mit "Feingefühl, Offenheit und Dialogbereitschaft" durch das Filmfestival zu führen.
Doch viel Künstler reagierten empört.
Die Schriftstellerin Arundhati Roy, deren Film "In Which Annie Gives It Those Ones" im Rahmen der Sektion "Klassiker" bei der Berlinale 2026 gezeigt wurde, sagte ihren Besuch bei der Berlinale ab. "Zu hören, dass Kunst nicht politisch sein sollte, sei einfach nur unfassbar", schrieb die Autorin in einem Statement. "Damit wird eine Diskussion über ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit unterbunden, obwohl es sich gerade in Echtzeit vor unseren Augen abspielt – und obwohl Künstler, Schriftsteller und Filmemacher alles in ihrer Macht Stehende tun sollten, um es zu stoppen. Lassen Sie mich das klar sagen: Was in Gaza geschehen ist und weiterhin geschieht, ist ein Völkermord an den Palästinensern durch den Staat Israel. Er wird von den Regierungen der Vereinigten Staaten und Deutschlands sowie mehreren anderen Ländern in Europa unterstützt und finanziert, was sie zu Mittätern dieses Verbrechens macht."
"Wenn die größten Filmemacher und Künstler unserer Zeit nicht aufstehen und dies sagen können, sollten sie wissen, dass die Geschichte über sie urteilen wird", schrieb sie.[1]
Auch die restaurierten Versionen von zwei Filmen verstorbener ägyptischer Regisseure, "Sad Song of Touha” von Atteyat Al Abnoudy und "The Dislocation of Amber” von Hussein Shariffe wurden aufgrund der Haltung des Festivals zu Gaza zurückgezogen.
Dutzende von Schauspielern und Regisseuren, darunter Javier Bardem und Tilda Swinton, warfen den Organisatoren der Berlinale "anti-palästinensischen Rassismus" vor und forderten die Organisatoren auf, sich klar gegen den Völkermord Israels in Gaza auszusprechen.
Einige Tage nach Beginn des Festivals verfasste Berlinale-Chefin Tricia Tuttle eine lange Erklärung, in der sie sowohl die Meinungsfreiheit auf dem Festival verteidigte als auch diejenigen ermahnte, die bei Pressekonferenzen des Filmfestivals politische Fragen stellen würden. [2]
Als Reaktion darauf veröffentlichten 81 Filmschaffende einen offenen Brief, der im Branchenblatt "Variety" veröffentlicht wurde.[3] Sie kritisieren das "Schweigen" des Festivals zum Völkermord in Gaza und die "Beteiligung der Berlinale an der Zensur von Künstlern, die sich gegen den anhaltenden Völkermord Israels an den Palästinensern in Gaza aussprechen". Die Unterzeichner kritisieren auch die Äußerungen des diesjährigen Jurypräsidenten Wim Wenders, der bei einer Pressekonferenz auf die Frage nach Gaza antwortete: "Wir sollten uns aus der Politik heraushalten."
Und so wurde die diesjährige Berlinale entgegen den Wünschen der Politik zu einem der politischsten Festivals geworden ist, die es je in Berlin gab.
Es waren die klugen Entscheidungen der Jury, kritische Filmemacher und Journalisten, welche die diesjährige Berlinale gerettet haben.
"Gelbe Briefe“
So wurde İlker Çatak mit dem Goldenen Bären für sein Politdrama "Gelbe Briefe“ ausgezeichnet. Der Film erzählt von einem türkischen Paar, das wegen seiner politischen Meinung unter Druck gesetzt wird – und sich fragen muss, wie weit es für seine Überzeugungen gehen will. Der Film zeigt auf drastische Weise, was passieren kann, wenn sich der Raum für politische Diskussionen verengt oder gar schließt.
"Chronicles From the Siege"
Der syrisch-palästinensische Regisseur Abdallah Alkhatib gewann mit "Chronicles From the Siege" den Preis für das beste Spielfilmdebüt. Sein Film handelt davon, wie eine Gruppe von Menschen unter Belagerung im Krieg ums Überleben kämpft.
Abdallah Alkhatib, in Deutschland lebender Flüchtling aus dem Gazastreifen, verband seine Dankesrede mit scharfer Kritik an der Haltung der Bundesregierung im Gaza-Krieg.
"Ich stand unter großem Druck, an der Berlinale teilzunehmen, und zwar aus einem einzigen Grund", sagte Alkhatibe. "Um hier zu stehen und zu sagen: 'Palästina wird frei sein.'"
Er fuhr fort: "Und eines Tages werden wir ein großartiges Filmfestival mitten in Gaza, mitten in anderen palästinensischen Städten haben. Unser Festival wird sich für die Menschen einsetzen, die unter Belagerung, Besatzung und Diktaturen auf der ganzen Welt leben. Wir werden über Politik vor Kino sprechen. Wir werden über Widerstand vor Kunst sprechen, über Freiheit vor Pflicht und über den Menschen vor Kultur. Der lang ersehnte Tag kommt."
"Wir werden uns an jeden erinnern, der an unserer Seite stand, und wir werden uns an jeden erinnern, der gegen uns war. Gegen unser Recht, in Würde zu leben. Oder die sich für das Schweigen entschieden haben", sagt der Filmemacher, der mit Kufiya und einer palästinensischen Flagge auf der Bühne stand. Der deutschen Regierung warf Alkhatib vor, sie sei faktisch "Partner des Völkermords im Gazastreifen".
"Wir werden uns an alle erinnern, die uns zur Seite standen, und wir werden uns an alle erinnern, die sich gegen uns gestellt haben, gegen unser Recht, in Würde zu leben, oder an diejenigen, die sich dafür entschieden haben, zu schweigen."
"Einige Leute sagten mir, ich sollte vorsichtig sein, bevor ich sage, was ich jetzt sagen werde; weil ich Flüchtling in Deutschland bin und es so viele rote Linien gibt. Das kümmert mich nicht. Ich sorge mich um mein Volk, um Palästina. Meine Worte an die deutsche Regierung: Ihr seid Partner des israelischen Genozids in Gaza. Ich glaube daran, dass ihr intelligent genug seid, um zu wissen, dass dies wahr ist. Aber ihr entscheidet euch dafür, dass es euch nicht kümmert. Freiheit für Palästina; jetzt und bis zum Ende der Welt!"
https://www.youtube.com/shorts/a20Ho51svjM?
Israel-Lobby außer sich
Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) verließ während der Rede von Alkhatib den Saal. "Bundesminister Schneider hält diese Aussagen für nicht akzeptabel", teilt ein Sprecher seines Ministeriums später mit.

Kulturstaatsminister Wolfram Weimer geiferte, pro-palästinensische Aktivisten hätten auf der Berlinale mit Israel-Hass, Aggressivität und Nötigungen zu Bekenntnissen "ihre hässliche Fratze" gezeigt.
Berlins Regierender Bürgermeister Wegner sagte der "Bild", denjenigen, die sich hier als Pro-Palästina-Aktivisten inszenierten, ginge es nicht um Menschenrechte. Es gehe ihnen allein um "Israel-Hass".

Weitere Kritik an Alkhatib kam von Israels Botschafter Ron Prosor und CSU-Landesgruppenchef Alexander Hoffmann. Hoffmann kritisierte "abstoßende Szenen" bei der Preisverleihung des Filmfestivals. Er sprach von "Völkermord-Vorwürfen, antisemitischen Ausfällen und Drohungen gegen Deutschland auf der Berlinale", die "absolut inakzeptabel" seien."Die abstoßenden Szenen bei der Preisverleihung unterstreichen die Notwendigkeit, klar Stellung zu beziehen und Antisemitismus als besonders schweren Fall der Volksverhetzung einzustufen", postete Hoffmann auf X.
Prosor lobte gegenüber der "Bild", dass Umweltminister Schneider den Raum verlassen habe.

https://x.com/PhilippPeyman/status/2025330513800806501
Chefredakteur der Zeitung Jüdische Allgemeine, herausgegeben vom Zentralrat der Juden in Deutschland
Auch an anderer Stelle war der Gazakrieg Thema bei der Preisverleihung:
Someday, a child
"Kinder aus Gaza und Libanon sind keine Verhandlungsmasse"
Die libanesische Filmemacherin Marie-Rose Osta gewann den Goldenen Bären für ihren Kurzfilm "Yawman ma walad" (Someday, a child). Der Film erzählt die Geschichte eines Kindes, das seine Superkräfte einsetzt, um zu verhindern, dass israelische Jets es aus dem Schlaf wecken.
Osta nutzte ihre Dankesrede, um Israels Angriffe auf Gaza und den Südlibanon zu verurteilen und erklärte, das Leben libanesischer und palästinensischer Kinder sei "keine Verhandlungsmasse".
"In der Realität ist es so, dass die Kinder dort in Gaza, in Palästina und im Libanon keine Superkräfte haben, damit sie geschützt werden vor israelischen Bomben, die seit über zwei Jahren herunterfallen."
"Der Waffenstillstand wird von Israel sowohl in Gaza als auch im Libanon weiterhin verletzt", fügte Osta hinzu. Vier Kinder seien erst gestern im Libanon getötet worden, so Osta. "Der Völkermord geht voran, auch trotz des Völkerrechts. Wenn dieser Preis irgendetwas bedeutet, – außer dass ich natürlich sehr glücklich bin über diesen Preis –, dann bedeutet das, dass die Kinder aus Gaza und Libanon keine Verhandlungsmasse sind."
Moderatorin Désirée Nosbusch sagte danach, sie sei sich „sicher, dass unsere Herzen bei all den Menschen sind, die leiden, sei es durch Kriege oder durch Terrorismus“.
https://www.youtube.com/shorts/uyWatBKoae4?feature=share
"Frieden ist kein Parfüm, das man über Gewalt sprüht, damit die Macht sich kultiviert fühlt." – Filmemacherin lehnt Berliner Preis für "The Voice of Hind Rajab" ab.
Der für den Oscar und den BAFTA nominierte Dokumentarfilm "The Voice of Hind Rajab" wurde am Montagabend (16.2.) bei der Cinema for Peace Gala im Adlon Hotel in Berlin als "wertvollster Film" ausgezeichnet.

Die tunesische Filmmacherin Kaouther Ben Hania erklärte aber, angesichts der Umstände und des Umfelds der Verleihung den Preis nicht mit nach Hause zu nehmen.
Sie protestierte vor allem gegen die Ehrung eines israelischen Generals bei derselben Veranstaltung und erklärte, dass sie nicht auf derselben Bühne stehen wolle, während ein Vertreter des Militärs geehrt werde, welches für den Tod des Kindes in ihrem Film verantwortlich sei.
https://www.youtube.com/shorts/9XUnAYKiJ74?feature=share
Hier der Wortlaut ihres eindrucksvollen Statements:
"Ich muss vorlesen, denn der Preis für den besten Film dieses Jahres ist größer, als ich es ertragen kann. …Guten Abend. Heute Abend fühle ich mehr Verantwortung als Dankbarkeit. Die Stimme von Hind Rajab betrifft nicht nur ein einziges Kind. Sie betrifft das System, das ihre Tötung möglich gemacht hat. Was Hind widerfahren ist, ist keine Ausnahme. Es ist Teil eines Völkermords.
Und heute Abend, in Berlin, gibt es Menschen, die diesem Völkermord politische Deckung gegeben haben. Indem sie die massenhafte Tötung von Zivilisten als ‚Selbstverteidigung‘ und als 'komplizierte Umstände' umdeuten. Und indem sie diejenigen herabwürdigen, die protestieren.
Aber wie Sie vielleicht wissen: Frieden ist kein Parfüm, das man über Gewalt sprüht, damit die Macht sich kultiviert fühlt und sich wohlfühlt. Und Kino ist keine ästhetische Weißwaschung. Wenn wir über Frieden sprechen, müssen wir über Gerechtigkeit sprechen. Und Gerechtigkeit bedeutet Rechenschaftspflicht. (Großer Applaus)
Ohne Rechenschaft gibt es keinen Frieden.
Die israelische Armee tötete Hind Rajab; sie tötete ihre Familie; und sie tötete die beiden Sanitäter, die kamen, um sie zu retten – mit der Komplizenschaft der mächtigsten Regierungen der Welt und ihrer Institutionen, die sich weigern zuzulassen, dass ihr Tod zur Kulisse für eine höfliche Rede über Frieden wird. Nicht solange die Strukturen, die dies ermöglicht haben, unangetastet bleiben.
Deshalb werde ich diesen Preis heute Abend nicht mit nach Hause nehmen. Ich lasse ihn hier als Erinnerung. Und wenn Frieden als rechtliche und moralische Verpflichtung angestrebt wird, verwurzelt in der Rechenschaft für den Völkermord, dann werde ich zurückkehren und ihn mit Freude annehmen. Vielen Dank."
Der Film "The Voice of Hind Rajab" handelt von einem Mädchen, das am 29. Januar 2024 in Gaza-Stadt von israelischen Soldaten getötet wurde. Hind war gemeinsam mit Verwandten in einem Kleinwagen unterwegs, als das Fahrzeug unter Beschuss geriet. Ihr Gespräch mit dem Roten Halbmond in den letzten Momenten ihres Lebens wurde aufgezeichnet. Der Film wurde auf mehreren internationalen Festivals gezeigt und für renommierte Filmpreise nominiert, darunter für die Academy Awards (Oscars) und die Golden Globe Awards. (siehe kommunisten.de: "Silberner Bär für "The Voice of Hind Rajab”. Aufruf zum Boykott israelischer Filminstitutionen")
Anmerkungen
[2] https://www.berlinale.de/de/news-themen/berlinale-notes.html




