03.03.2026: Am 5. März findet der zweite bundesweite Schulstreik gegen die Wehrpflicht statt. Der sogenannte "neue Wehrdienst" wurde am 5. Dezember beschlossen; seit Januar werden nun Fragebögen der Bundeswehr an 18-jährige verschickt, nächstes Jahr sollen verpflichtende Musterungen folgen.
"Entsteht hier gerade eine neue, große Jugendbewegung?" fragte der Spiegel (20.2.26) im Vorfeld dieses zweiten Schulstreiks gegen Wehrpflicht und Kriegsvorbereitung. Vor drei Monaten gingen bereits 55.000 Jugendliche auf die Straßen mit der Forderung, selbst über ihre Zukunft bestimmen zu können – statt in Uniformen gesteckt zu werden.

Vorerst ist der Wehrdienst freiwillig, aber es ist unwahrscheinlich, dass es dabei bleibt. Denn Friedrich Merz will die Bundeswehr "schnellstmöglich zur stärksten konventionellen Armee Europas machen". Auf der Münchner "Sicherheitskonferenz" hob er hervor, dass die Bundeswehr in Litauen das erste Mal in der Geschichte einen ganzen Großverband außerhalb deutschen Territoriums aufstellt.
Kiel, 5.12.2025: Schulstreik
Mitte Februar hatten sich mehr als 250 Jugendliche aus über 70 Städten in Göttingen zur ersten bundesweiten Konferenz "Schulstreik gegen Wehrpflicht" getroffen um diskutierten, wie sie den 5. März zum Erfolg und die Bewegung gegen die Wehrpflicht weiterentwickeln können. Dabei waren sie sich einig darüber, dass der 5. März zum Beginn einer großen antimilitaristischen Jugendbewegung werden muss.
Schulstreik am 5. Dezember 2025
siehe hier
In der Abschlusserklärung heißt es u.a.:
"Verteidigungsminister Pistorius will uns vormachen, dass die flächendeckende Wehrerfassung eines ganzen Jahrgangs der Verteidigung der Demokratie diene. Doch wir sagen: Diesen Staat interessiert nicht unsere Freiheit oder unsere Meinung. Auslandseinsätze, Militarisierung und Wehrpflicht sind gegen unsere Interessen.
Es geht bei der Einführung der Wehrpflicht weder um Verteidigung noch um Werte wie Freiheit oder Demokratie. Die Wehrpflicht ist Teil von Deutschlands Kampf um Macht in der Welt für Märkte, Ressourcen und Handelswege. Dafür werden immer wieder neue Milliarden für Aufrüstung beschlossen und so ein nächster großer Krieg vorbereitet. Währenddessen schießen die Aktienkurse von Rüstungsunternehmen wie Rheinmetall, ThyssenKrupp, KNDS & Co. in die Höhe. Wir aber haben von Aufrüstung und Krieg nichts zu gewinnen."
Weiter heißt es:
"Wir organisieren weitere Streiktage und Aktionen, um den Start der Musterungen und der Wehrpflicht zu verhindern.
Wir gründen in ganz Deutschland Schulstreikkomitees, die diese Aktionen gemeinsam organisieren: In den Städten, an den Schulen.
Wir lassen uns nicht von Fehlstunden, Drohungen von Schulleiter*innen und schlechten Noten einschüchtern, denn was ist das schon gegen ein halbes Jahr in der Kaserne und gegen die Aussicht auf eine Zukunft im Schützengraben?
Wir brauchen Schülervertretungsstrukturen, die den Kampf gegen die Wehrpflicht aufnehmen. Denn die Wehrpflicht ist nicht im Interesse von uns Schüler:innen.
Wir vernetzen uns mit Gewerkschaftsjugenden, Gewerkschaften und Friedensbewegung, mit Antifaschist:innen, mit Eltern, Lehrer:innen, junge Menschen in Ausbildung und Studium, und werden gemeinsam mit ihnen gegen Wehrpflicht und Krieg aktiv.
Unsere Schulen sind kein politisch 'neutraler' Ort. Und in unseren Streikkomitees zeigen wir, dass wir unsere Forderungen selbst in die Hand nehmen und uns organisieren können.
Keiner von uns ist allein – gemeinsam können wir etwas bewegen!
Zu weiteren Perspektiven und nächsten Schritten werden wir uns bei der nächsten bundesweiten Schulstreikkonferenz am 18.04. in Essen austauschen.
Wir fordern:
- Keine Wehrpflicht – Keine Zwangsdienste!
- Geld für Bildung, Soziales und Umweltschutz statt für Aufrüstung und Kriegsvorbereitung!
- Bundeswehr raus aus den Schulen! Kriegsdienstverweigerungsberatung für alle Abschlussjahrgänge!
- Für den Aufbau von Streikkomitees an jeder Schule und ein Streikrecht für Schüler*innen
- Abrüsten statt Aufrüsten! Verhandeln statt Schießen!
Auf die Straße am 5. März, denn: Die Reichen wollen Krieg – die Jugend eine Zukunft!"
Vor 75 Jahren:
Jugendliche besetzen Helgoland um gegen Bombardierungen, Wiederaufrüstung und Wehrpflicht zu protestieren
Anfang des Jahres 1951 sah der britische Hohe Kommissar Sir Kirkpatrick ein, dass keine Möglichkeit bestand, weitere Besetzer von der Insel Helgoland fernzuhalten und empfahl dem Foreign Office, die Bombardierung einzustellen und den Einwohnern die Rückkehr zu gestatten, andernfalls "wird das ein Palästina im kleinen."
Es sollte aber noch weitere Besetzungs-Aktionen erfordern, bis aus der einzigen deutschen Hochsee-Insel statt eines Bombenabwurf-Terrains wieder ein lebenswerter Ort werden sollte.
Am 11. Mai 1945 hatte Admiral Muirhead-Gould die Insel für Großbritannien übernommen. Helgoland wurde jedoch nicht der britischen Militärregierung unterstellt - die Nordseeküste gehörte der Britischen Zone an - sondern der britischen Admiralität. Diese ungewöhnliche Maßnahme deutete bereits an, dass konkrete Pläne für eine militärische Nutzung vorlagen.
Ende 1945 begann die Royal Air Force, Helgoland als Übungsgelände für Bombenabwürfe mit scharfer Munition zu nutzen. Am 18. April 1947 wurde auf Helgoland die größte nichtatomare Sprengung der Militärgeschichte gezündet. 6.700 t Munition mit einer Netto-Sprengkraft von 4.610 t TNT zerstörten die Militärfestung Helgoland: Die Südspitze fiel in sich zusammen und schuf den heutigen Mittellandkrater.
Jugendliche besetzen die Insel
Am 20. Dezember 1950 ließen sich Heidelberger Studenten Georg von Hatzfeld und Rene Leudesdorff zu einer symbolischen Besetzung auf der Insel absetzen, um damit für die Rückgabe Helgolands an seine Bevölkerung zu demonstrieren und hissten die Bundes-, die Europa- und die grün-rot-weiße Helgolandflagge. Doch in der "Helgolandfrage" ging es vor 75 Jahren nicht nur um die Beendigung der Bombardierung der Insel durch die Royal Air Force (RAF) und die Rückkehr der Inselbewohner:innen, sondern sie spielte auch eine Rolle im Kampf gegen die Wiederaufrüstungsbestrebungen der jungen Bundesrepublik.
Ende Februar 1951 wurde die Insel Ziel einer weiteren Besetzungs-Aktion. Aktivist:innen der westdeutschen FDJ, der sozialdemokratischen Falken, der Jungsozialisten, der Gewerkschaftsjugend und der Guttempler-Jugend aus Hamburg und Schleswig-Holstein hissten neben der Bundes- und Helgolandflagge auch die blaue Fahne mit der weißen Friedenstaube.
Marianne Wilke aus Wedel (die spätere Landesvorsitzende der VVN- Bund der Antifaschist:innen) war eine der Jugendliche, die in der zweiten Besetzergruppe dabei war: "Unsere Motive waren bestimmt von den Erlebnissen des Krieges. Wir hatten die Grauen von Krieg und Faschismus erlebt - wir wollten eine bessere Welt, vor allem eine friedliche. Dass quasi vor unserer 'Haustür' wieder Bomben für zukünftige Kriege getestet wurden, fanden wir unerträglich.
Der erste Eindruck von der Insel, als wir eintrafen, war überwältigend und erschütternd zugleich. Die Sandsteinfelsen ragten mächtig aus dem Wasser, und auch die Lange Anna, das Wahrzeichen der Insel, 63 Meter hoch, etwas an den Schiefe Turm von Pisa erinnernd, imponierte uns sehr. Die Insel aber glich einer einzigen Kraterlandschaft. Wie schon die erste Delegation, arbeiteten wir am Tage auf dem Helgoländer Friedhof; wir stellten umgestürzte Steine wieder auf. Nach einer Woche kam, womit wir gerechnet hatten: Polizei rückte an, um uns von der Insel zu holen. Es dauerte einige Stunden, ehe sich die Polizeibeamten mit Hilfe von Schneidbrennern Zugang zum Bunker, in dem wir Zuflucht gesucht hatten, verschafft hatten.
Helgoland 1951
Nach 14 Tagen Einzelhaft im Kieler Gefängnis Harmsstrasse machte uns das Gericht der britischen Kontrollkommission den Prozess. Anklagepunkte: Unbefugte Landung und Aufenthalt auf Helgoland."[1]
Die Urteile lauteten: Für die Mädchen zwei Monate auf Bewährung; für die Jungen drei Monate ohne Bewährung. Dieser Aktion folgten noch drei weitere. Insgesamt beteiligten sich insgesamt an die 100 Jugendliche an den Helgoland-Besetzungsaktionen.
Nach Debatten im britischen Unterhaus und im Bundestag trat im März der Helgoland-Vertrag in Kraft, der die Freigabe der Insel zum 1. März 1952 festlegte.
Gegen Wiederbewaffnung und Einführung der Wehrpflicht
Das gesamte Jahr 1951 ist von starken Aktivitäten der Gegner einer Wiederbewaffnung der Bundesrepublik geprägt - sei es auf Konferenzen, Kundgebungen oder Demonstrationen. In Kiel hält z.B. Fritz Baade, der SPD-Bundestagsabgeordnete und Direktor des "Instituts für Weltwirtschaft", am 19. Februar in einem Vortrag vor Studenten der Universität Kiel, in dem er sich für ein kollektives Sicherheitssystem zwischen West und Ost ausspricht.
Eine zentrale Rolle spielte dabei die Kampagne für eine deutschlandweit (in BRD und DDR) durchzuführende "Volksbefragung gegen Remilitarisierung". In Westdeutschland wurde die Volksbefragung am 24. April 1951 durch Bundesinnenminister Lehr (CDU) verboten, da diese angeblich dazu bestimmt ist, "unter Verschleierung der verfassungsfeindlichen Ziele die freiheitliche, demokratische Grundordnung der Bundesrepublik zu untergraben, um die Bevölkerung für einen kommunistischen Umsturzversuch zu gewinnen."
txt: Günther Stamer
Anmerkungen
[1] Marianne Wilke, Jugend befreite Helgoland. In: Noll/Booß (Hg), Geschichte in Geschichten, Dortmund 1980, S.45
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