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liberez Henri Martin21.02.2015: Der französische Kommunist Henri Martin ist in der Nacht vom 16. zum 17. Februar im Alter von 87 Jahren in Pantin bei Paris verstorben. Er war Anfang der 50er Jahre wegen seines mutigen Auftretens gegen den „schmutzigen Krieg“ in Vietnam neben der 21-jährigen Raymonde Dien zu einem begeisternden und mobilisierenden Symbol des Friedenskampfe weit über Frankreich hinaus in ganz Europa und international geworden. Auch bei der damals in Westdeutschland gegen die Remilitarisierung kämpfenden Jugendbewegung, vor allem bei der westdeutschen FDJ, begeisterte sein Mut, sein selbstloser Einsatz und seine Tapferkeit zu verstärkten Aktionen.

Henri Martin war 1927 in der Gemeinde Lunery, einem von Stahl- und Hüttenwerken geprägten Ort mit kämpferischer Arbeitertradition geboren worden. Mit 16 Jahren schloss er sich den Kommunisten an, mit 17 ging er wie andere Altersgefährten in den Maquis, also zu den gegen die deutsche Besatzung kämpfenden Partisanen der FTP (Francs tireurs et partisans).

Nach der Befreiung Frankreichs nahm Henri Martin im Rahmen der französischen Armee an der Eroberung des südwestlichen Deutschland teil. Er verpflichtete sich zu fünf Jahren Militärdienst und meldete sich zur Marine. In diesem Rahmen wurde er als Bootsmann und Mechaniker zum Einsatz in Indochina abkommandiert, um gegen die Truppen des kaiserlich-militaristischen Japan zu kämpfen, die Indochina besetzt hatten.

Als Martin auf dem Kanonenboot „Chevreuil“ dort ankam, waren die japanischen Truppen jedoch bereits besiegt und entwaffnet. Die dorthin entsandten französischen Einheiten bekamen unter dem Befehl von Admiral Thierry d’Argenlieu, der von General de Gaulle zum Hochkommissar und Generalgouverneur für Indochina ernannt worden war, einen neuen Auftrag. Sie sollten die französische Kolonialherrschaft wiederherstellen.

Doch in Hanoi hatte Ho Tschi Minh als Führer der Liga für die Unabhängigkeit Vietnams (Vietminh), die im Widerstandskampf gegen die japanische Besatzung einen wesentlichen Beitrag zur Befreiung des Landes geleistet hatte, im Ergebnis der Augustrevolution am 2. September 1946  die Demokratische Republik Vietnam ausgerufen. Es gab eine Vereinbarung Ho Tschi Minhs mit dem ersten nach der Befreiung Frankreichs für Indochina zuständigen französischen Kommissar Sainteny, dass ein unabhängiges Vietnam entstehen, jedoch im Rahmen der „Französischen Union“ verbleiben sollte. Es sollte über eine eigene Regierung mit eigener Polizei und Armee und eigenen Finanzen, Steuern und Zolleinnahmen verfügen.

Der neue Hochkommissar d’Argenlieu missachtete dies jedoch und setzte in Saigon den vietnamesischen Kaiser Bao Dai wieder als Staatsoberhaupt ein, der bereits vor dem 2. Weltkrieg der französischen Kolonialverwaltung und danach auch der japanischen Besatzungsmacht als willfährige Marionette gedient hatte. Ab 1946 ging das französische Expeditionskorps zu direkten Angriffen und Feuerüberfallen auf die Vietminh über. Daraus entstand der „Indochina-Krieg“, der erst nach jahrelangem Guerillakampf mit dem Pariser Waffenstillstandsabkommen vom 21. Juli 1954 beendet werden konnte, nachdem die Vietminh-Einheiten unter dem Kommando von General Giap der französischen Armee am 7. Mai 1954 in der Schlacht von Bien Bien Phu eine vernichtende Niederlage zugefügt hatten.

Henri Martin, dessen Schiff im Delta des Roten Flusses vor Haiphong auf der Reede lag, war bestürzt über dieses Vorgehen und die Grausamkeit, mit der französischen Kriegsschiffe, Flugzeuge und Armeeeinheiten Haiphong und andere Städte und Dörfer bombardierten und die vietnamesische Bevölkerung umbrachten. Das war nicht „sein Krieg“. Er war zum Kampf gegen den japanischen Faschismus nach Ostasien gekommen, nicht zur Unterdrückung des Freiheitsdrangs der Vietnamesen. Wiederholt verlangte er die vorzeitige Beendigung seines Militärdienstes, doch die Armeeführung lehnte ab.

Schließlich konnte er zwar in die Heimat zurückkehren, wurde jedoch zum Dienst in der Marinebasis im Kriegshafen von Toulon abkommandiert. Henri Martin kehrte als entschiedener Gegner des französischen Kolonialkriegs zurück. Als im Juli 1949 ein Verbot kommunistischer Zeitungen in Militäreinrichtungen erlassen wurde, begann er, mit Hilfe der Kommunistischen Partei in Toulon Flugblätter gegen den Vietnamkrieg zu verfassen und unter seinen Arbeitskollegen zu verteilen. Deshalb wurde er am 14. März 1950 verhaftet und der „Zersetzung der Moral der Nation“, der Verbreitung illegaler politischer Schriften im Militär und der „Sabotage“ angeklagt. Obwohl der Anklagepunkt Sabotage fallengelassen werden musste, wurde er am 17. Oktober 1950 von einem Militärgericht zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt.

Das Urteil rief eine gewaltige Protestwelle in ganz Frankreich hervor, nicht zuletzt auch wegen der Unverhältnismäßigkeit der Strafe (5 Jahre für die Verbreitung von Antikriegs-Flugblättern). Sie verschmolz mit dem Protest gegen die Verurteilung der jungen Friedenskämpferin Raymonde Dien, die vier Monate vorher zu einem Jahr Gefängnis verurteilt worden war, weil sie sich am 23. Februar 1950 in einem mittelfranzösischen Bahnhof auf die Gleise gelegt hatte, um einen Zug mit Waffen und Munition für Vietnam aufzuhalten.

Henri Martin picassoDer Kampf um die Freilassung der beiden Verurteilten wurde zu einer Massenbewegung weit über die Reihen der Kommunistischen Partei hinaus, die sich mit der generellen Bewegung gegen den „schmutzigen Krieg“ in Vietnam verband. In ganz Frankreich und im Ausland entstanden Verteidigungskomitees, fanden Solidaritätsveranstaltungen statt, wurde mit auf Mauern gepinselten Parolen die Freilassung der Inhaftierten gefordert. Manche sind heute noch zu lesen. Renommierte französische Schriftsteller wie Paul Eluard schalteten sich ein, Pablo Picasso und Fernand Leger unterstützen die Kampagne mit Zeichnungen von Henri Martin, der Philosoph Jean-Paul Sartre verfasste eine Schrift „De Affäre Henri Martin“. Nicht zuletzt unter dem Druck dieser Bewegung gelang es schließlich, die vorzeitige Entlassung Henri Martins im August 1953 durchzusetzen.

Henri Martin blieb seinem Engagement treu. In der Führung der von den Kommunisten unterstützten „Union der Republikanischen Jugend Frankreichs“ und danach im Zentralkomitee der Kommunistischen Partei (PCF) gehörte er zu den Initiatoren vieler Aktionen gegen den französischen Kolonialismus. Auch als seine Partei ihn später zum Leiter der zentralen PCF-Parteischule machte. Seine kommunistische Überzeugung und sein antikoloniales Engagement behielt er auch bei, als sich nach 1989/90 Meinungsverschiedenheiten mit der Parteiführung unter dem damaligen Nationalsekretär Robert Hue und dem von diesem eingeleiteten Kurs einer „Mutation“ der PCF ergaben. In den letzten Jahren hinderte ihn Krankheit jedoch zunehmend daran, sich weiterhin aktiv einzuschalten.

Die PCF-Senatorin Hélène Luc nannte Henri Martin in ihrem Nachruf „ein Beispiel des Mutes und der Treue zur Sache des antikolonialen Kampfes“.

Text: G. Polikeit


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