Der Kommentar
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MedizinerprotestKommentar von Leo Mayer zum politischen Versagen in der Pandemie, der Kampagne gegen Ungeimpfte und der Zulassung traditioneller Impfstoffe

 

24.11.2021: Der Beginn der Corona-Pandemie liegt bald zwei Jahre zurück. Weltweit sind ihr mehrere Millionen Menschen zum Opfer gefallen. In Deutschland befinden wir uns mitten in der vierten Welle. "Impfen, impfen", rufen Mediziner*innen und Politiker*innen aller Parteien (außer der AfD) auf. Da appellieren Massenmedien wie konservative und liberale Politiker*innen sogar an die "Solidarität", die ansonsten in den Zeiten des Neoliberalismus normalerweise als verpönt gilt. Der Chef der Ständigen Impfkommision, Professor Thomas Mertens, spricht in diesem Zusammenhang von der "Volksgemeinschaft". (ZDF heute-journal, 1.11.2021)

Eine "Pandemie der Ungeimpften", behaupten Politiker*innen aller Colleur entgegen der Wahrheit, denn Fakt ist zwar, dass es die Ungeimpften sind, die die Pandemie antreiben, Fakt ist aber auch, dass sich immer mehr Geimpfte infizieren, zum Teil schwer erkranken und das Virus weiter übertragen. Trotzdem ist es nachvollziehbar, dass Unverständnis herrscht, wenn die Option einer Impfung nicht genutzt wird, ist dies doch eine einfache Möglichkeit, sich selbst vor einem schweren Verlauf und andere besser zu schützen.

Doch diese Kampagne gegen die Ungeimpften adressiert weder die Hotspots der Infektionsketten noch wird sie die Pandemie eindämmen. Aber sie lenkt ab vom eklatanten Regierungsversagen. Es waren nicht die Ungeimpften, die die kostenfreien Tests abgeschafft und die Impfzentren geschlossen haben, die mit der Abschaffung der Maskenpflicht bei Großveranstaltungen und in Schulen, der Zulassung von Karneval und vollen Fußballstadien sowie der Erzählung, mit der Impfung kehre die Normalität ein, alle Dämme zum Schutz vor dem Virus eingerissen haben. Das waren die Politiker*innen.

Bis heute gibt es kaum tragfähige Schutzkonzepte für Schulen. Bis in den Spätsommer zögerten die Landesregierung mit der Anschaffung von Luftreinigern für Schulräume. Jetzt wird es bis in den Februar nächsten Jahres dauern, bis die Hersteller für die Schulen flächendeckend liefern können.

Es ist ein Skandal, dass nach nahezu zwei Jahren Pandemie weniger Krankenhäuser, noch weniger Pflegepersonal und tausende Intensivbetten weniger zur Verfügung stehen als zu Beginn der Pandemie. Ein Versäumnis der Politik. Klatschen reicht eben nicht, um die Arbeitsbedingungen in den Pflegeberufen zu verbessern und das gesellschaftliche Ansehen dieser Berufe zu steigern.

Die Regierung wusste, dass die Infektionsdynamik der Delta-Variante im Herbst und Winter ein Problem werden würde – und ignorierte dennoch alle Warnungen der Wissenschaft. Die Politiker*innen haben es zu verantworten, dass die vierte Welle sich überhaupt aufbauen konnte.

Mit fortschreitender Pandemiedauer hat sich der Staat immer mehr aus der Verantwortung gezogen. Er hat den Pandemieschutz ganz im neoliberalen Sinne dem Einzelnen übertragen, macht die Ungeimpften zu Sündenböcken und agiert nun insbesondere mit ökonomischen Druckmitteln gegen Ungeimpfte. Anstatt über die gesellschaftlichen Bedingungen zu sprechen, um eine höhere Impfquoten zu erreichen, machen es sich Bundesregierung und die Ministerpräsidenten mit der 2G-Regel, einem Lockdown für Ungeimpfte und der Debatte über eine Impfpflicht leicht.

Die Gründe, warum sich Menschen bisher nicht haben impfen lassen, sind vielfältig. Befragungen zeigen, dass nur ein Teil überzeugte Impfgegner*innen sind. So kommt eine forsa-Umfrage zu dem Ergebnis: "Nur sehr wenige nicht Geimpfte geben jeweils an, dass sie Impfungen allgemein ablehnen oder dass sie generell Angst vor Impfungen haben.“ [1]

Neben dem Hin und Her der Politik haben auch die Korruptionsaffären von Politiker*innen mit Summen möglicherweise bis zu 34 Millionen Euro (!) als "Provision" für die Vermittlung von Atemmasken nicht dazu beigetragen, das Vertrauen in die Aussagen von Expert*innen und Politiker*innen zu erhöhen. [2]

Die Europäische Union und die meisten ihrer Mitgliedsländer haben bisher ausschließlich auf "genetische" Impfstoffe gesetzt - mRNA-Impfstoffe von BionTech/Pfizer und Moderna sowie die DNA-Impfstoffe von AstraZeneca und Johnson&Johnson. Es ist das erste Mal in der Geschichte der Medizin, dass diese Methode bei Massenimpfungen angewandt wird, und diese Neuheit hat zu vielen Befürchtungen über mögliche Nebenwirkungen und Spätfolgen geführt.

Bei einer Impfkampagne geht es nicht nur um die Wirksamkeit, sondern auch um die Einfachheit der Verabreichung und das Vertrauen in den Impfstoff, in die Herstellerfirma, … . Es war immer die Kombination von beidem, die das Erreichen des Ziels ermöglichte. In den 1960er Jahren, als es um die Bekämpfung der Kinderlähmung ging, war die einfache Verabreichung des von Albert Sabin entwickelten Schluckimpfstoffs ausschlaggebend für die Massenimpfung, obwohl eine sicherere Alternative, der von Jonas Salk entwickelte intramuskuläre Impfstoff, verfügbar war.

In der EU könnten demnächst erstmals Corona-Impfstoff auf Grundlage einer traditionellen Methode wie bei Tetanus, Kinderlähmung oder Keuchhusten auf den Markt kommen: Der US-Pharmakonzern Novavax beantragte für seinen Totimpfstoff gegen Covid-19 eine Marktzulassung in der Europäischen Union, wie die EU-Arzneimittelbehörde EMA am 10. November mitteilte. Neben Novavax prüft die EMA derzeit auch traditionelle Impfstoffe der Firmen Valneva (Frankreich/Österreich), Sanofi (Frankreich) und den Impfstoff CoronaVac der Firma SinoVac (China).

Die traditionellen Impfstoffe CoronaVac der chinesischen Firma Sinopharm, Bharat (Indien) und der kubanische Impfstoff Soberana haben ihre Wirksamkeit im Feld bereits unter Beweis gestellt. Eine Zulassung solcher Produkte könnte die Ängste von Impfverweigerern zerstreuen oder Auffrischungsimpfkampagnen unterstützen.

Jetzt ist zu hoffen, dass diese Impfstoffe von der EU-Arzneimittelbehörde EMA zügig zugelassen werden und nicht weiter das Monopol für mRNA-Impfstoffe v.a. von BionTech/Pfizer verteidigt wird. Und dass es diesen Vakzinen nicht so geht wie dem von der Weltgesundheitsorganisation Anfang Juni zugelassenem und in 22 Ländern eingesetzten chinesischen CoronaVac, das die EMA seit dem 4. Mai 2021 prüft und prüft und prüft … . Oder dem in 60 Ländern verimpften russischen Vakzin Sputnik V des Gamaleya Instituts, bei dem die Prüfung der EMA bereits am 4. März 2021 begonnen hat.

Immerhin sind jetzt ja auch "westliche" Impfstoffe dabei. Allerdings hat die EU bereits eine Milliarde Dosen Impfstoffe von Pfizer und Moderna für 2022 gekauft, was einer Investition von rund zwanzig Milliarden Euro entspricht.

 

Anmerkungen

[1] forsa-Umfrage "Befragung von nicht geimpften Personen zu den Gründen für die fehlende Inanspruchnahme der Corona-Schutzimpfung", 18. Oktober 2021:
https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3_Downloads/C/Coronavirus/Befragung_Nichtgeimpfte_-_Forsa-Umfrage_Okt_21.pdf
[2] Tagesschau, 4.11.2021: "Schützt Dich und mich. Lg Jens"
https://www.tagesschau.de/investigativ/ndr-wdr/maskenaffaire-sms-spahn-101.html


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